ich war in urlaub. istanbul. statt euch mit all den touridingen – hagia sofia & co zu langweilen, will ich nur von einem abend erzählen, der mich wirklich beeindruckt hat.
meine gute freundin und reisebegleiterin und ich hatten einen anstrengenden tag des touriprogramms hinter uns (ja, doch soviel: in dem blöden reiseführer gab es ganze anderthalb spalten zum thema ‘juden’. ich wollte doch so gerne das jüdische viertel sehen! dann also ab dahin, um vor ort festzustellen, dass es sich nur um die alte synagoge handelte. das einzige, was davon zu sehen war – mir aber erstaunlich vertraut vorkam: eine hohe mauer und eine kamera am fest verschlossenen tor. da mittlerweile schon der freitag nachmittag anbrach und die neueren synagogen sich in einem völlig anderen stadtteil auf der anderen seite des goldenen horns befanden, und darüber hinaus samstag der letzte tag vor ort war.. ja, deshalb hab ichs dann doch nicht mehr gesehen. was ich eindeutig dem reiseführer ankreide. verdammt. wann komm ich schon noch mal nach istanbul.)
jedenfalls, zurück zum thema: nach dem verunglückten synagogenbesuch (eher -suche) haben wir uns mit ausgiebigem shoppen getröstet, und, da es dort sooo kalt war, immer wieder mit wärmenden kaffees. und am ende dann mit einem kühlen bierchen, in einer netten kneipe in einer seitenstraße der shoppingmeile. wie das dann so spielt, stellt sich nach etwa 3 weiteren bieren heraus, dass der ältere herr am nebentisch fließend deutsch spricht, da hier studiert und mehrere jahre in verschiedensten deutschen städten unterwegs gewesen. soweit, so gut. damit begann aber für mich ein abend, in dem ich einen einblick in eine seite der türkei bekam, die mir nicht nur fremd, sondern auch irgendwie (meinerseits bornierterweise, tschuldigung) vollkommen unerwartet war. denn es waren äußerst links denkende türken, türkische kommunisten, eine türkisch-kommunistische feministin, die mit am tisch saßen. befremdlich, aus dem mund dieser menschen dinge zu hören, die in deutschland menschen von sich geben, die der blinden angst vor allem muslimisch-religiösen verfallen sind, nein, in deutschland würde ich sie wohl einfach rassisten nennen.
und eine erinnerung an die gute, alte, viel politischere zeit. diese aufregung hat mich in politischen debatten lange nicht ergriffen, gegeneinander und doch miteinander zu diskutieren, während das alles ein irgendwie viel fundamentaleres gefühl von bedeutsamkeit begleitet: da werden nicht, wie hier, ein paar politische phrasen gedroschen zwischen den gesprächsthemen neuer ipod und wer welche frisur hat. ist es die angst vor repressalien, die alles so viel wichtiger erscheinen läßt? erinnerte mich an meine erste zeit in israel, die inbrunst und ergriffenheit, die ich mit politischen debatten verband, da habe ich mich ähnlich gefühlt. hier jedenfalls gelangten wir in eine kneipe, wo ein foto des kürzlich ermordeten armeniers hing, eine kneipe voller politisch denkender menschen, die ähnlich aussahen wie man hier die linke szene kennt, doch mit härteren erfahrungen im hintergrund – knast, verbotene symbole etc.
nicht dass ich mir solche härten hier wünschte. aber ich wünschte doch, dass das denken und mitgestalten von den lebensverhältnissen hier mir auch das gefühl dieser bedeutsamen aufgeregtheit geben würden, dass es hier einen raum für so ein klima gäbe, dass politik und die frage, wie wir hier zusammen leben wollen, vordergründiger wäre als die frage nach dem neuesten mp3-player und dem kontostand. es war nur ein kleiner hauch von dieser aufgeregtheit, die ich aus jugendlicheren tagen kenne, wo ist mir das nur verloren gegangen, unterwegs? nicht nur mir, außer in speziellen zirkeln denkt und redet man doch heute nur wenig über politische themen. und, ja, an diesem abend haben ich gemerkt, wie sehr mir das fehlt.